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30. Deutsche Meisterschaft 2026 – Johannes Rookiebericht

von | Mai 12, 2026

Text von Johannes S.:

Meine erste Meisterschaft, ein persönlicher Bericht.

Ich habe mich beim Stollenkampf entschieden, bei der Deutschen Meisterschaft der Global Stick and Blade Alliance anzutreten. Zum Sparring bin ich schon über ein Jahr regelmäßig sonntags gegangen. Ursprünglich wollte ich weder an Wettkämpfen teilnehmen noch Graduierungen machen, aber irgendwie hat es mich doch gepackt.

Nach dieser Entscheidung standen zwei wichtige Punkte auf meinem Plan: Kondition rauf, Gewicht runter. Beides hat nur mäßig gut funktioniert. Der Alltag mit Kindern limitiert dann doch die Zeit fürs Training. Nach fünf Monaten Vorbereitungszeit hatte ich keine großen Ambitionen wirklich etwas zu reißen. Mein Ziel für die DM definierte ich bescheiden: „In mindestens einer Kategorie nicht Letzter werden.“

Nach vielen Gesprächen und schmerzhaften Trainingseinheiten entschied ich mich, in den Kategorien Vollkontakt Single Stick, Mixed Padded und Semi-Kontakt anzutreten. Für diese Auswahl gab es verschiedene Gründe, wie die noch fehlende Kondition und vor allem Schiss.

Anmeldung, Training, Anreise – alles lief ganz entspannt. Bis zu dem Moment, als ich samstags in die Halle kam. Ich war schon lange nicht mehr so nervös. Also so richtig nervös. Die Sorte von: „Du bekommst gleich hart aufs Maul, machst dich und die Escrimadores lächerlich und brauchst dich im Verein nie wieder blicken lassen“-Nervosität. Ich sah die anderen Wettkämpfer – alle vermeintlich fitter, stärker, schneller und geschickter als ich. Wäre ich mal lieber in einen Schach- oder Mau-Mau-Club gegangen. Puls 150, Blutdruck 180/100.

Ausrüstung fünfmal kontrolliert (und trotzdem einen Knieschoner verloren oder vergessen), angezogen, kurz gedehnt, Handgelenke und Schultern aufgewärmt – und dann wird mein Nameaufgerufen: Ring 2. Mein Gegner? Mir völlig unbekannt. Er steht da, schaut mich an. Wir verbeugen uns voreinander, vor dem Schiedsrichter, und dann geht es los.

Umkreisen, meine ersten Schläge auf seine Stockhand. Er greift an, ich kontere und lande Helmtreffer. In meinem sonst so häufig überreizten Kopf herrscht absolute Stille. Ich lande weitere Treffer, blocke Schläge und scheine auch meine Beine halbwegs koordiniert zu bewegen. Okay, bisher kein totales Versagen.

Nach der ersten Runde stehen Sarah und Wincenty an meiner Linie, fächern mir Luft zu und meinen, es läuft gut. Ich weiß noch, wie ich mich zur zweiten Runde aufstelle, aber an Details der Runden danach kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Dritte ist vorbei, „Time!“. Ich lege die Stockhand aufs Herz und deute eine Verbeugung vor dem Gegner an. Von irgendwoher kommt die Ansage: „Helme ab“. Der Schiedsrichter nimmt unsere Arme und sagt irgendwas. Ein kurzer Moment für den Spannungsbogen – und dann merke ich, wie mein Arm nach oben gehoben wird!

Was für ein Gefühl! Ich bin völlig überwältigt von einem Schwall an Emotionen. Den Rest des Tages laufe ich mit einem zufriedenen Grinsen durch die Gegend. Allein dafür haben sich die Anstrengungen der letzten Monate gelohnt.

Erst zurück an unserem Platz merke ich, wie verkrampft mein rechter Arm ist. Sehr unangenehm. Auch jetzt erst reflektiere ich, dass ich wohl Ewigkeiten die Luft angehalten haben muss. Viel Zeit zum Erholen bleibt mir allerdings nicht, mein nächster Kampf steht bald an. Mein zweiter Kontrahent ist morgens schon mit zwei Formen angetreten – er ist Großmeister in irgendwas. Die Nervosität kehrt zurück. Sarah beruhigt mich: „Der kann nur hübsch, nicht unbedingt fest.“ Ja. am. Arsch! Gleich der zweite oder dritte Treffer ist ein kraftvoller Streich quer über den Bauch. Mir bleibt kurz die eh schon knappe Luft weg. Kurzum: Den Kampf verliere ich eindeutig.

Jetzt habe ich mehr Zeit. Ich kann mich mit ein paar Leuten unterhalten und spüre, wie supportiv die Community hier ist. Zu keinem Zeitpunkt habe ich das Gefühl, dass es übermäßiges Konkurrenzdenken gibt. Natürlich möchte sich jeder behaupten – es ist immerhin eine Meisterschaft. Trotzdem umarmt man sich nach jedem Kampf, spricht über Techniken sowie Schwächen und hält sich gegenseitig die Türen auf.

Zeitsprung zu Tag 2 – Semi-Kontakt

Beim Semi-Kontakt geht es darum, den ersten Treffer zu landen. Nicht fest, nur schnell. Es gibt keine Gewichtsklassen. So trete ich als Erstes gegen einen deutlich agileren und leichteren Gegner an. Wieder bin ich angespannt. Mein Plexiglasvisier vom Helm ist zerkratzt, seins scheinbar makellos. In meinem Kopf wieder Samba – Gedankenkarussell Deluxe. Dann geht’s los. Wir grüßen an, verbeugen uns und dann … Stille. Fokus auf das Gesicht des Gegners. Das verrät unfassbar viel über die nächsten Aktionen. Er schlägt zu, ich kontere. Punkt für Blau. Ich schaue auf meinen Stock: Er ist blau. Plötzlich steht es 3:0 für Blau. Das Grinsen kehrt zurück.

Auch den dritten Gegner besiege ich relativ problemlos und stehe dann im Halbfinale. Es fühlt sich gut an, es macht Spaß. Es macht unfassbar viel Spaß! Ich schaffe es, dem Schweizer Großmeister Stefano Di Blasi ein paar Punkte abzuringen, unterliege aber nach zwei Minuten. Jede Runde dauert leider nur zwei Minuten – das könnte ich den ganzen Tag machen.

Mein Ziel „nicht Letzter zu werden“ ist erreicht, jetzt will ich Metall. Den Kampf um Bronze muss ich gegen Hilmar Siebert und seinen unorthodoxen Stil bestreiten. Auch hier schaffe ich es, ein paar Punkte zu holen, aber zum Sieg reicht es leider nicht.

Beim Mixed Padded entscheide ich mich für die vertraute Kombination aus Schild und normalem Stock. Auch hier kämpfe ich mich bis zum Kampf um Bronze vor. Meinen letzten Gegner nehme ich vielleicht etwas zu sehr auf die leichte Schulter. Möglicherweise merke ich auch nicht rechtzeitig, dass meine Kräfte schwinden. Na ja, in meinem Kopf stand ich schon auf dem Treppchen. Doch die Ringrichter sahen das etwas anders. Das war dann kurzzeitig sehr frustrierend.

Es war eine tolle Reise in ein unbekanntes Abenteuer. Ich hatte ein Ziel und habe es mehr als erreicht. Es gab Höhen und Tiefen, Schmerzen und Freude. Mit neu entdecktem Ehrgeiz, einer gesunden Portion Selbstvertrauen und dem Plan, nächstes Jahr zur Meisterschaft in die Schweiz zu fahren, bin ich wieder im Alltag gelandet.


Zu allerletzt möchte ich mich für die Vorbereitung, den Support und die Organisation von Sarah, Andre und Wincenty bedanken. Ich kann mir keine bessere Wettkampfbegleitung vorstellen.

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